Ein Plädoyer für einen entspannten Umgang mit Flatrates – im virtuellen und realen Raum
Britta Heidemann 
Essen. Wenn Sie diesen Text hier lesen möchten überweisen Sie zunächst bitte 29 Cent auf das Konto… -ach quatsch. Sie wären zu Recht empört. Schliesslich haben Sie ja schon für die ganze Zeitung bezahlt. Da ist dieser Text ebenso eingepreist wie die Sportmeldung und die Wohnungsanzeige. Mit Ihrer Zeitung haben Sie eine Informationsflatrate erworben, könnte man sagen – wäre der Begriff der Flatrate nicht so in Verruf geraten. Aber warum eigentlich?
Festpreise verführen, aber: die Augen sind immer grösser
Die Flats sind überall. Wir nutzen sie legalerweise fürs Telefonieren und Surfen, vielleicht fürs unbegrenzte Musikhören mit Simfy oder Spotify, womöglich für den Hörbuch-Download bei Adible. Flats für’s Ebook dürften nur noch eine Frage der Zeit sein. Aber auch jenseits aller Technik scheint der Mensch der
Gegenwart bestrebt, sich zum Festpreis zu amüsieren – und sich dem befriedigenden Gefühl hinzugeben, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Dabei stimmt das oft gar nicht. Denn Pauschalurlaube, All-You-Can-Eat-Buffets und die neuerdings moderne Bordell-Flatrate haben eines gemeinsam: die Augen sind immer grösser.
Auch Arbeitsverträge und Ehen sind Flatrates
Der moderne Homo Oeconomicus will alles, am besten auf einmal, zum möglichst kleinen Preis. Für seine „Flatrate-Mentalität“ wird er böse beschimpft, dabei ist sie nur menschlich – und in der Gesellschaft stärker verankert, als wir wahrhaben wollen. Was ist denn die Flatrate? Eine Art Vertrag, bei dem man einmal bezahlt, dafür mehrmals etwas bekommt. Der Ausweis bei der Stadtbücherei zum Beispiel – für sehr kleines Geld könnte man hunderte Bücher im Jahr lesen. Der monatliche Beitrag fürs Fitnessstudio. Der Vertrag für die Mietwohnung! Auch zahlt mein Arbeitgeber eine Art Flatrate an mich: einen monatlichen Lohn dafür, dass ich jeden Tag ins Büro gehe und ihm geistige Inhalte überlasse. Und schliesslich liegt sogar jeder Ehe und jeder langfristigen Beziehung ein Dauervertrag zugrunde, in dem in einem komplizierten Wechselspiel Nähe und Vertrauen, Sockenwaschen und Müllrunterbringen aufgewogen werden.
Dies sind alles Flatrates, die wir prima finden. Deren schleichendes Verschwinden wir in unserer Single- und Projekterepublik Deutschland gar beklagen. Schon komisch: Während sich die geistige Elite zunehmend als Kreativwirtschafts-Tagelöhner verdingen muss, während dauerhafte Arbeitsverhältnisse seltener werden und immer mehr Menschen im gebärfähigen Alter die monogame Zweisamkeit als uncoole Idee gar nicht erst erwägen – boomen die Flatrates.
Heute sind Telefonverträge oft langfristiger, verlässlicher als Beziehungen. Das spricht nicht gegen Telefonverträge!
Kurz: Flatrates sind nichts, was man fürchten müsste. Eine Kulturflatrate als Pauschale dafür, dass man Musik, Texte und Bilder aus dem Netzt lädt, nutzt, tauscht, könnte eine Alternative zur Illegalität sein. Man könnte die Kulturflatrate sogar allen Internetnutzern automatisch in Rechnung stellen: nach dem Prinzip der Solidargemeinschaft zahlen Fussball-Ignoranten ja schliesslcih auch die gigantischen Polizeieinsätze in den Stadien – mit ihren Steuern. Gegner der Kulturflatrate führen gerne an, dass deren Umsetzung nicht praktikabel sei – wer bekommt wie viel vom Kuchen ab, wie rechnet man das aus? Dabei gibt es in der alten, analogen Welt längst ganz ähnliche Abgabe-Modelle: Zum Beispiel zahlt jeder, der einen CD Rohling oder einen USB-Stick kauft, schon heute eine Urheberrechts-Abgabe an die Hersteller – weil es sich ja hier um Hilfsmittel zum Kopieren handelt.
Die Kulturflatrate wäre eine gerechte Lösung
An die Künstler verteilt werden diese Abgaben von der „Zentralstelle“ für private Überspielungsrechte“, gegründet 1963. Dank ihr konnten Jungendliche einst völlig legal Mixtapes aus Radiomitschnitten zusammenstellen – während sie heute im Internet für ganz ähnliche, jugendtypische Impulse des Sammelns und Tauschens und Sichprofilierens unversehens zu Raubkopierern werden können. Auch das hätte mit der Kulturflatrate ein Ende.
Es wird Zeit, dass wir die Flatrate wieder hoch halten. Haben Sie eigentlich schon ein Zeitungs-Abo?
Quelle: Westdeutsche Allgemeins Zeitung 28. April 2012













